Geschichten rund um das Schiff und
seine Besatzung gibt es jede Menge. In der Folge sollen in zwangloser Reihenfolge einige Erinnerungen aufgeschrieben werden, die sich so zugetragen haben, wie Zeitzeugen, deren es noch Einige gibt, sicher bestätigen könnten. Also nix hier von wegen Seemannsgarn

Brückenschlag
Weil jemand, der neu an Bord war, die Abmessungen, Höhen und Tiefgänge aus den mitgelieferten Zeichnungen abgelesen hatte und damit den Schwergutbaum entgegen dem weisen Rat "gedienter" Besatzungsmitglieder nicht wenigstens etwas abtoppte, rammte bei der Fahrt durch den Nord-Ostseekanal 1978 das MS "Karl Marx" mit der Spitze des Schwergutbaumes die Hochdonn-Eisenbahnbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Die Beschädigung war zwar erheblich, aber die Brücke stürzte nicht ein. Was wiederum einen Kanallotsen zu der Bemerkung verleitete: "Was der Kaiser erbaut hat, kann Karl Marx nicht einreißen.

Tiertransporte
gab es auch häufiger . Einmal hatten wir in Rotterdam vier Eisbären für einen Zoologischen Garten in Japan geladen. Es waren prächtige Tiere, die leider in Japan fast als Braunbären ankamen. Ursache war, daß die stabilen Holzkäfige zusätzlich innen noch mit Blech ausgekleidet waren. Wegen der Hitze mußten die Tiere täglich mehrfach mit dem Seewasserschlauch erfrischt werden. Was offensichtlich dabei niemand vorher bedacht hatte, in kürzester Zeit setzten die Bleche Rost an. Die Eisbären rieben sich durch ihre ständigen Pendelbewegungen den Rost in ihren schönen weißen Pelz.Die Empfänger haben es aber gelassen hingenommen, da der Pelz wohl auch einen gewissen Selbstreinigungseffekt besitzt. Rostumwandler oder Persil war jedenfalls nicht erforderlich.
Auf einer anderen Reise transportierten wir eine ganze Decksladung Zuchtschweine von Rotterdam nach Japan. Sie wurden von zwei japanischen Tierpflegern betreut, die eines Abends ganz aufgeregt in die gerade laufende Bordkinoveranstaltung gerannt kamen und riefen: "one pig more, one pig more". Es hatte sich herausgestellt, daß sich eine trächtige Sau unter die Ladung geschmuggelt hatte und nun locker ferkelte. Es wurden in dieser Nacht 11 (!) Ferkel geboren. Die ganze Besatzung war aufgeregt und noch aufgeregter, als am nächsten Morgen ein Ferkel fehlte. Weder hochnotpeinliche Befragungen des Kombüsenpersonals noch intensivste Suche brachten das Tier wieder zum Vorschein. Da auch kein aufsteigender Grillduft festgestellt wurde, mußte davon ausgegangen werden, daß das arme Tierchen durch die recht weitmaschigen Holzgitter gekrochen und in die See gefallen ist. Auch diese wundersame Vermehrung der Ladung machte dann in Japan einige Erklärungen notwendig, um Ladung und Papiere wieder in Übereinstimmung zu bringen.

Vergessene Ladung
gab es hin und wieder auch. Eine in einer dunklen Laderaumecke beim Aufklaren zum Laden im nächsten Hafen entdeckte Grubenlokomotive (!) war zwar peinlich, sie wurde aber auf der Rückreise gelöscht und alles war vergessen. Nicht mehr peinlich sondern ganz schlimm war es, daß wir die für den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker bestimmten Messegeschenke von Japan im Rostocker Hafen nicht gelöscht hatten und noch eine Reise mitschleppten. Solche Dinge wurden ja so geheim geladen und im Verschlußraum des Schiffes gestaut, daß es eigentlich schon vorher wieder zu vergessen war. Und genau das war auch so eingetroffen. Auf der nächsten Reise wurden wir plötzlich mit sehr bösartigen Telegrammen bombardiert, hatten alles absolut zu sichern und beim Einlaufen in Rostock - die Pier war schwarz von schwarzen Ledermänteln - unter größten Sicherheitsvorkehrungen zu löschen. Aber auch das haben wir überstanden.

Diplomatengepäck
Während einer Rückreise von Japan via Kap der Guten Hoffnung, geriet das Schiff vor der Südostafrikanischen Küste in einen derartigen Sturm, daß es gezwungen war den Kurs zu ändern und langsam in südlicher Richtung gegenanzufahren. Dabei stampfte das Schiff in diesem Orkan zeitweilig dermaßen, daß ein tonnenschwerer Lukendeckel des Zwischendecks aus der Führung sprang, in den Unterraum stürzte und dabei eine Kiste von ca 2,5 mal 2,5 mal 3 Meter auf etwa die Hälfte ihrer Höhe zusammenquetschte. Die Kiste enthielt persönliche Effekten eines in Japan tätig gewesenen Diplomaten, der leider aus Sparsamkeitsgründen dafür nicht ausreichend versichert war. Peinlich, peinlich.

Der Funkraum
meines Traumschiffes soll auch noch einmal zu Wort (Schrift) kommen. Auf der Seite des MS "Karl Marx" sind die wesentlichen Teile der Funkausrüstung aufgeführt. Links der Hauptsender EB 1500 von Elektrisk Bureau hatte schon brauchbare Power. Der Knüller war aber der von 410 kHz bis 28.900 kHz durchstimmbare Exciter(in der Mitte). Damit hätte man auch Rundfunk verbreiten können .Darüber befand sich das Hauptteil der UKW-Station, auf der Brücke war eine Nebenstelle! Diese UKW-Station hatte mich auf der Jungfernreise bis nach China genarrt, da sie ständig unkontrolliert ausfiel. Eine Reparatur war insofern schwierig, da ich keinerlei technische Dokumentation erhalten hatte. Die war noch irgendwo unterwegs. Zum Schluß habe ich mit einer Pinzette auf der Hauptplatine Bauteil für Bauteil bewackelt bis ich tatsächlich an einem HF-Übertrager im ZF-Teil eine kalte Lötstelle entdeckte. Nach einer sauberen Lötung ist die Station nie wieder kaputt gegangen. Etwas weiter rechts einer der beiden durchstimmbaren Kurzwellenverkehrsempfänger EKV11 mit RTT-Dekoder aus dem Funkwerk Köpenick die zum damaligen Zeitpunkt absolute Spitze waren. Rechts im Vordergrund der Fernschreiber im schalldichten Holzgehäuse.

Rundfunk
In den 60er und auch noch 70er Jahren war ja Radio Luxemburg deeeeeeer Sender für alle Musikfreaks, aber von der DDR-Obrigkeit nicht so sonderlich gelitten. Hein Seemann hatte nun doch die Möglichkeit, von seinem Devisen-Handgeld auch Kofferradios zu kaufen, ganz besonders in solchen Konsum-Oasen wie damals noch Singapore und Hongkong. Im Mittelmeer wurden dann schon Großversuche gestartet, Radio Luxemburg auf Kurzwelle zu empfangen. Da kam mir doch die Idee mit meinem durchstimmbaren Sender. Also minimalste Leistung, keine Antennenabstimmung und dann A3: "Sie sind erwischt! Sie hören Radio Luxemburg, machen Sie sofort das Radio aus! Was ein Glück, daß nicht noch einer vor Schreck sein teures Stück außenbords gefeuert hat. Ich durfte mich jedenfalls erst mal eine Weile nicht erwischen lassen.

Die Schiffspresse
von Rügen Radio war immer etwas Besonderes. Sie war als heilige Kuh der politischen Abteilungen der Reederei oftmals mehr eine Pflichtübung für jeden Kollegen. Besonders in Fernost, wenn die Empfangsbedingungen häufig mehr als miserabel waren, das Klappern der Schreibmaschine die Morsezeichen übertönte und man mit den Kopfhörern manchmal in den Empfänger kriechen mochte, kam helle Freude bei den DDR-Presse-üblichen ausführlichen Formulierungen auf wie z.B. "der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Genosse Walter Ulbricht hat in seiner Rede an das soundsovielte Plenum....". In einer Schiffspresse waren einmal 9 (NEUN !!!) Artikel mit dieser Bandwurmformulierung verziert und keiner hatte ein Einsehen, daß man bei derartigen Empfangsbedingungen auf See und weit weg doch darauf getrost hätte verzichten können.

Sudan-TV
- Im Abschnitt Ausbildung hatte ich ja bereits die fundierte umfassende Ausbildung an der Seefahrtschule gewürdigt. Das allgemeine Niveau der Kollegen auf technischem Gebiet hat auch ziemlich weltweit die Runde gemacht. Während meiner Fahrtzeit auf dem Motorschiff "Stralsund"/DCZM (ex Les Comores) in der Ostafrikafahrt, wurde ich im Hafen von Port Sudan plötzlich zum Kapitän gerufen. Dort wurde ich gefragt, ob ich es mir zutrauen würde, beim Zoll-Chef von Port Sudan eine Reparatur des Fernsehgerätes durchzuführen. Nein sagen mochte ich auch nicht, also eine Tasche mit Löteisen und allem Zubehör, Werkzeugen und allen verfügbaren Röhren und Kleinteilen einpacken und dann los mit einer riesigen Limousine ins unbekannte Abenteuer. Ein Erlebnis war es schon, in die Privatsphäre eines solchen Mannes vordringen zu können, aber auch etwas mulmig wegen der notwendigen Erfolge. In seinem Wohnzimmer angekommen, führte er mir das gute Stück vor: undefinierbares französisches Modell, nicht der neueste Jahrgang, ohne Beschreibung und schon gar ohne Stromlaufplan. Das Bild lief und lief und lief. Danach ließ er mich mit einem wahrscheinlich Bewacher allein, nicht ohne mich fürstlich mit arabischen Leckereien, Kaffee und Erfrischungsgetränken versorgt zu haben. Für mich war der Fall relativ klar, die Bildendstufe hatte schlapp gemacht. Ich hatte ein älteres Röhrentaschenbuch dabei und fand auch in etwa den für die Bildablenkung eingesetzten Röhrentyp. Danach probierte ich die von meinem mitgebrachten Röhrensortiment geeignet erscheinenden Röhren aus, paßte die Spannungsversorgung noch etwas an und schaltete das Gerät ein. Das Bild war auch ziemlich stabil, zwar noch etwas klein, aber das ließ sich mit den Reglern noch einstellen. Dann hatte ich zwar einen leuchtenden Bildschirm aber noch lange kein Fernsehbild. Ich suchte und suchte, von der Antenne bis tief in das Geräte und fand nichts. Ich war schon am Verzweifeln und bat, die Fernsehantenne kontrollieren zu dürfen. Der Wächter holte sofort seinen Boß und dieser führte fast einen Freudentanz auf. "Hamdulillah" der Fernseher geht wieder, ein Bild, ein Fernsehbild könnten wir auch noch nicht sehen, da der Sudan noch gar kein eigenes Fernsehen hätte !!!! Wir sollten geduldig warten, bis es Abend sei und das Fernsehprogramm von der Ostseite des Roten Meeres, von Saudi Arabien empfangen werden könnte, manchmal auch nicht !!. Na Prost Mahlzeit, aber etwa 2 Stunden später, nach einem vorzüglichen Essen, schaltete dann der Chef seine Flimmerkiste wieder ein und siehe da, erst schemenhaft und später immer deutlicher war ein Fernsehbild zu erkennen. Es war rundum eitel Freude und Sonnenschein, die Kunst der Nemeds-Radio-Officer wurden hoch gelobt und ich wurde wieder an Bord gebracht. Bezahlung gab es vom Zoll natürlich nicht, aber dieBelohnung für unser Schiff war jedoch dergestalt, daß wir eigentlich nie wieder Zollprobleme in Port Sudan hatten.

Der AKÜFI (bekannt als AbKürzFimmel)
hatte in der Funkerei eine enorme Bedeutung, da ja die Gebühren in Mark bzw. DM pro Gebührenwort berechnet wurden. Also waren alle bestrebt, mit wenigen Worten viel mitzuteilen. Auf einer Ostafrika-Reise mit MS"Stralsund"/DCZM gab mir der Kapitän ein MSG an die Reederei:"bestehen aus ladungsgründen auf rotation momdarzawara - mfg master". Auf die Frage von Rügenradio, was wohl "momdarzawara" heisst, antwortete ich, das sei Suaheli und mir auch unbekannt, obgleich wohl wissend, dass sich dahinter Mombasa, Daressalaam, Zanzibar und Mtwara verbarg. Und diese Erklärung wurde mir auch abgenommen..

Apropos Gebühren für Seefunktelegramme...
Ich bin ja in Ruhla/Thüringen aufgewachsen und meine "Angetraute" hat dort während meiner Seefahrtzeit auch noch eine Weile gewohnt. Als sie mir nun auch mal ein Seefunktelegramm schicken wollte und dazu noch, um Kosten zu sparen, den Wunsch hatte, eine Schiffsbrieftelegramm aufzugeben, gab es vom örtlichen Postbeamten ungläubiges Kopfschütteln. Als dann meine Frau auch noch wahrheitsgemäss sagte, dass das Schiff wohl gerade im Indischen Ozean unterwegs sei, brach in der Warteschlange spontan Gelächter aus ... die ist ja wohl doooooof, wie will denn da ein Briefträger hinkommen. Meine Frau hatte dann aber gemäss meiner Instruktionen nur gefordert, dass die Post das Telegramm als Brief zu Rügen Radio befördern soll, die alles weitere veranlassen... Und die Telegramme haben mich ja auch immer erreicht.

Die Bordspannung
war noch in den 60er Jahren eine spannende Geschichte. Ich fuhr mehrere Reisen auf der MS "Johann-Gottlieb-Fichte"/DCZK als Praktikant. Das Schiff war bekannt dafür, dass man garantiert irgendwann einmal ein Problem hatte mit Radios, Plattenspielern, Elektrorasierern usw. Das Schiff hatte noch von Haus aus Gleichstrom und dieser wurde mit diversen Umformern, Zerhackern und sonst etwas in Wechselspannung umgewandelt, aber so gründlich, dass dort zu finden war 220 V, 110 V, 24 V Gleichspannung, 220 V, 240 V, 110 V, 42 V Wechselspannung und dann auch noch unterschieden in 50 Hz und 60 Hz. ... auf manchen Steckdosen stand auch drauf was rauskommen sollte... Aber manch einer wollte schon seinen Plattenspieler wieder zurückbringen, weil er eben nur jaulte.....